FEED ME MYTHS
Ludwig Dressler Silvia Gardini Sara Mayoral Julia Walk Sandra Zech
30. September bis 24. Oktober 2026
Eröffnung
Dienstag, 29. September 2026 , 19 Uhr
Mythen sind nicht das Gegenteil von Realität, sondern Teil davon, wie Realität strukturiert wird. Als Erzählungen prägen sie unsere Wahrnehmung: Vorstellungen von Körpern und Rollen, von Systemen und der Verteilung von Macht. Sie bestimmen, was als natürlich gilt, was möglich erscheint und was unsichtbar bleibt.
Feed Me Myths versammelt Arbeiten, die sich mit solchen Konstruktionen auseinandersetzen. Die Ausstellung untersucht, wie Bilder, Materialien, Gesten und Technologien an der Entstehung von Bedeutung mitwirken, wie aus Wiederholung Überzeugung und aus Überzeugung Struktur wird. Mythen erscheinen hier nicht als Relikte vergangener Zeiten, sondern als wirksame Systeme. Sie sind eingeschrieben in Sprache, in soziale Codes, in visuellen Ordnungen, bis hinein in die kleinsten Gesten des Alltags.
Mythen zu nähren bedeutet auch, sie zu enthüllen, ihre Grenzen zu erproben, ihre Logik zu verbiegen, sie unter Druck in Bewegung geraten zu lassen. In diesem Feld wird der Mythos
zu einem Ort der Aushandlung statt der Gewissheit: ein Raum, in dem Macht nicht nur repräsentiert, sondern kontinuierlich neu geschrieben wird.
Julia Walk
In ihren neuen Arbeiten setzt sich Julia Walk mit weiblichen Figuren aus Mythologie und Kunstgeschichte auseinander, deren Geschichten über Jahrhunderte mit Vorstellungen von Sünde, Verführung und Monstrosität verbunden wurden. In Tiffany-Technik übersetzt sie ikonische Darstellungen von Medusa und Echidna sowie Motive der Schlange in farbiges Glas. Dabei untersucht sie, wie sich Bilder von Weiblichkeit durch ihre wiederholte Darstellung verfestigen.
Ausgehend von Caravaggios Medusa richtet sich der Blick nicht auf Medusa als Monster, sondern auf die Geschichte einer Frau, der Gewalt widerfuhr und deren Leid in der überlieferten Erzählung in eine Geschichte von Monstrosität verwandelt wurde. Mit Echidna erscheint eine weitere Figur aus der griechischen Mythologie, die als „Mutter aller Monster“ zur Verkörperung des Bösen gemacht wurde. Beide Figuren stehen für eine Form von Weiblichkeit, die als gefährlich, unkontrollierbar und bedrohlich markiert wurde. Die wiederkehrende Schlange verweist zugleich auf Eva und die christliche Erzählung von Sünde und Verführung und verbindet unterschiedliche Vorstellungen von weiblicher Macht und Gefahr.
Dabei interessiert die Künstlerin besonders die Ambivalenz dieser Symbole: Die Schlange, die in der christlichen Ikonografie zum Zeichen für Versuchung und Gefahr wurde, steht in anderen mythologischen Traditionen für Weisheit, Heilung, Erneuerung und Schöpferkraft. Die Arbeiten fragen danach, wie solche Bedeutungen entstehen, welche Vorstellungen von Weiblichkeit sie hervorbringen und was sichtbar wird, wenn bekannte Geschichten aus einer anderen Perspektive gelesen werden.
Die Mythen, die bis in die Gegenwart weiterwirken, sind tief in unser kollektives Bildgedächtnis eingeschrieben. Durch die grafische Fragmentierung im Glas werden ihre vielschichtigen Facetten sichtbar und eröffnen einen Raum, in dem die überlieferten Geschichten neu gelesen und interpretiert werden können.
Weitere Informationen: @julia_walk und www.juliawalk.com
Sara Mayoral
Metabolic Garden
Metabolic Garden ist eine Installation aus handgeblasenen Glasgefäßen, fermentierten Früchten und Blüten aus den Gärten der Großmütter der Künstlerin sowie handgefertigten Metallstrukturen, die an Luftwurzeln erinnern.
Die Arbeit verbindet den Garten als lebendigen Organismus mit Fragen nach Erinnerung, Herkunft und Verwandlung. Die fermentierten Pflanzen durchlaufen einen kontinuierlichen Stoffwechselprozess aus Zersetzung, Transformation und Regeneration. Der Garten wird dabei zum Archiv, zum Körper und zu einem metabolischen Raum, in dem Materie, Erinnerung und Zeit miteinander verbunden sind.
Transformation ist ein zentraler Aspekt in der künstlerischen Praxis von Sara Mayoral. Sie arbeitet mit Skulptur, Installation, Fermentation, Glas, Keramik, Sound und Performance und verbindet organische Materialien mit Prozessen, die sich ständig verändern. Dabei interessiert sie sich für die Grenzen zwischen Lebendigem und Nicht-Lebendigem, zwischen Konservierung und Zerfall, Nahrung und Zersetzung.
Fermentation spielt dabei eine besondere Rolle: ein langsamer, gemeinschaftlicher Prozess, bei dem Mikroorganismen Materie über die Zeit verändern. Sie ermöglicht der Künstlerin, den Körper als Ökosystem im ständigen Austausch mit seiner Umgebung zu betrachten. Sinnliche Materialien schaffen Situationen, in denen Essen, Riechen, Berühren und Beobachten zu Ausgangspunkten für Fragen nach Sterblichkeit, Fürsorge, Erinnerung und Transformation werden. Ihre Arbeiten bewegen sich oft zwischen dem Intimen und dem Biologischen. Dabei dienen Nahrung und körperliche Prozesse als Ausgangspunkt, um über größere Kreisläufe von Leben und Tod nachzudenken.
Weitere Informationen: @saramayoral.studio und www.smayoral.com
Sandra Zech
Ausgangspunkt von Sandra Zechs Arbeit ist eine Kupferplatte, in die ein Bild geätzt wird. In diesem erscheint Raum nicht als stabiler, geschlossener Ort, sondern als etwas, das sich vertieft, verschiebt und zersplittert. Die Aquatinta erzeugt dabei nicht nur Fläche und Ton, sondern eine besondere räumliche Spannung: Dunkelheiten, Zwischenräume und Brüche lassen das Bild zwischen Konstruktion und Auflösung oszillieren. Die erste Platte ist ein Ganzes und zugleich bereits von der Möglichkeit ihrer Zerlegung geprägt.
Anschließend wird die Kupferplatte in kleinere Teile zerschnitten. Aus einem zusammenhängenden Bild entstehen Fragmente, die sich neu zusammensetzen lassen wie die Teile eines Puzzles. Das ursprüngliche Motiv verliert seine Eindeutigkeit. Einzelne Bildstücke werden zu eigenständigen Objekten und zugleich zu Bestandteilen immer neuer möglicher Zusammenhänge.
Die einzelnen Fragmente werden als eigenständige Drucke präsentiert. Dadurch verändert sich auch die Wahrnehmung des ursprünglichen Bildes: Der Zusammenhang zwischen den einzelnen Teilen bleibt möglich, ist aber nicht mehr vorgegeben. Was zuvor eine geschlossene Komposition war, wird zu einer Vielzahl von Bildern und möglichen Anordnungen.
Dabei steht die Zerlegung des Bildes im Zentrum der Arbeit. Die Radierung – traditionell ein Medium der Vervielfältigung und Bewahrung – wird in einzelne Teile aufgebrochen. Es gibt nicht mehr die eine Platte und nicht mehr die eine Komposition, sondern eine Vielzahl möglicher Beziehungen zwischen den Fragmenten.
Die Arbeit fragt danach, was mit einem Bild geschieht, wenn sein ursprünglicher Zusammenhang aufgebrochen wird. Wann hört ein Ganzes auf, ein Ganzes zu sein? Und kann aus seinen Fragmenten etwas Neues entstehen?
So wird die Radierung zu einem Medium, in dem sich Fragen nach Zusammenhang, Wahrnehmung und Veränderung stellen: Ein Bild kann zerlegt werden, ohne dass seine einzelnen Teile ihre Bedeutung verlieren – vielmehr entstehen durch die Fragmentierung neue Möglichkeiten, es zu betrachten und zusammenzudenken.
Weitere Informationen: @xsandrazech und www.flachware.de/sandra-zech
Silvia Gardini
PLACEMENT / LAYERING / INTEGRATION
Diese Serie von Kaltnadelradierungen entlehnt ihren Titel und ihre Struktur den drei Phasen der Geldwäsche und macht sie zum Material für die Platte: Placement führt illegale Gelder in das Finanzsystem ein; Layering verschleiert ihre Herkunft unter anderem durch den Einsatz von Briefkastenfirmen, gefälschten Rechnungen und zirkulären Transaktionen; Integration führt die Gelder als scheinbar legitimes Kapital in die Wirtschaft zurück. Auch andere Formen des Betrugs, darunter langfristig angelegte Anlagebetrugsmaschen wie Pig Butchering, beruhen auf Geduld und Wiederholung. Betrug und Geldwäsche verändern nicht den Wert einer Sache, sie verändern ihre Erzählung.
Die Radierung hat eine besondere Geschichte in diesem Zusammenhang. Sie wurde zur Herstellung von Geld eingesetzt und zugleich zu dessen Fälschung. Die Arbeiten illustrieren Betrug nicht, sondern wenden ihre Methoden an: Jede Auflage entsteht durch Wiederholung, einen Abzug nach dem anderen. Nach demselben Prinzip wiederholt Layering eine Transaktion so lange, bis sie als legitim erscheint.
Die Serie verbindet zwei Aspekte von Gardinis Praxis: ihre Spezialisierung auf die Tiefdrucktechnik der Radierung und ihren juristischen Hintergrund mit Schwerpunkt auf Unternehmensermittlungen, Betrug und Geldwäsche.
Silvia Gardini ist bildende Künstlerin mit thailändischem, italienischem, niederländischem und deutschem Hintergrund und lebt zwischen München und Amsterdam. 2025 absolvierte sie ihr Diplom an der Akademie der Bildenden Künste in München. In den frühen 2020er-Jahren hielt sie unter dem Namen despite allegations international Vorträge über Machtmissbrauch in der Kunstwelt. Das Projekt ging aus ihren Vorträgen zu einem Strafverfahren wegen Gewalt gegen Künstlerinnen in den Niederlanden hervor. Neben ihrer künstlerischen Praxis verfügt Gardini über einen juristischen Hintergrund. Sie arbeitete mehrere Jahre im Team Investigations, White Collar and Fraud bei Hogan Lovells in München und war dort mit grenzüberschreitenden Korruptionsfällen und Whistleblower-Angelegenheiten befasst. Anfang dieses Jahres qualifizierte sie sich zum Certified Fraud Examiner. Für Gardini gehen Recht und Kunst von demselben Akt der Beobachtung aus. Ihre juristische und ihre künstlerische Arbeit kreisen um dieselbe Frage: wie Machtstrukturen entstehen und wie sie missbraucht werden.
Weitere Informationen: @silvia_gardini und www.siliviagardini.com
Ludwig Dressler
Ludwig Dressler arbeitet mit Videoinstallation, Fotografie und Skulptur. Im Zentrum seiner künstlerischen Praxis steht das Verhältnis zwischen Körper, digitaler Medialität und Technologie. Dabei nutzt er den eigenen Körper als Ausgangspunkt, um mediale Räume und die Strukturen digitaler Technologien zu untersuchen.
Fountainphone ist eine überdimensionale Replik eines iPhones, dessen Bildschirm aus Wasser besteht. Die Arbeit untersucht die Verbindung zwischen den physischen Eigenschaften von Wasser – seiner Masse, Temperatur, Oberflächenspannung und Bewegung – und den virtuellen Räumen, die sich hinter den Bildschirmen unserer alltäglichen Technologien verbergen.
Indem der digitale Bildschirm durch eine Flüssigkeit ersetzt wird, wird er zu etwas Lebendigem und Körperlichem. Das vermeintlich immaterielle digitale Bild erhält eine physische Oberfläche und wird zu einem Objekt, das sich bewegt und verändert. So treffen in Fountainphone vertraute Formen digitaler Technologie auf die fließenden und sich ständig verändernden Eigenschaften des Wassers.
Dieser Arbeit stellt der Künstler zwei Videos, surface_river und surface_pool, sowie zwei Exemplare der Wandskulpturen-Edition multitouch_II gegenüber.
Die experimentellen Videos entstanden während eines Aufenthalts in der Residency maison marcelle im Mai 2026 in Südfrankreich. Sie zeigen Spiegelungen verschiedener Wasseroberflächen auf dem Display eines Smartphones und nehmen damit direkten Bezug auf die Wasserinstallation. Auch die Skulpturen greifen das Motiv des Touchscreens auf: Eine Ansammlung von über 100 Kopien einer Hand – und damit ebenso vielen Fingerabdrücken – verdichtet sich zur Silhouette eines Bildschirms.
Weitere Informationen: @kd.ludwig und www.ludwigdressler.net
structure and arbitrariness
Dimitrios Dimitriadis Lisa Holzapfel Minjoon Kim Celia Renée Meissner Alexandra Müller Branka Predojevic
18. November bis 19. Dezember 2026
Eröffnung
Dienstag, 17. November 2026 , 19 Uhr
mit einer Musikperformance von 100000loca
Finissage
Samstag, 19. Dezember 2026 , 19 Uhr
mit einer Musikperformance von Vova Schuhmachenko